Das Ende

Man sagt, Zyniker seien enttäuschte Romantiker.
Ursprünglich als eine "Schule der Bedürfnislosigkeit" erdacht, wurde der Zynismus in der Zeit immer mehr zur verächtlichen Haltung gegenüber einer Gesellschaft oder ihren Werten auf einem mit Missgunst und Dummheit gepflasterten Weg des Scheiterns. Romantiker sehnen sich nach Erfüllung, Zyniker kommen ohne Träume aus : sie sehen es als ihre Aufgabe an, andere mit einem abschätzigen Lächeln zu verletzen, die Unzulänglichkeit der Welt mit ätzenden Worten zu kommentieren und idealistisches Streben ad absurdum zu führen.
Der Oberzyniker ist wohl unser alter Bekannter Satanas, Beelzebub, Luzifer, der Leibhaftige : sein diabolisches Grinsen ist der Inbegriff von Freude an der Zerstörung. Zerfressen von seinem Hass auf alles Schöne und Gute, dessen Vorstandsvorsitzender er nicht werden konnte, infiltriert er mit seinem Frust die denkenden Wesen der Schöpfung. Seine leichteste Beute sind enttäuschte, verletzte und einsame Geister, die den Anschluss verloren haben.
Als Zyniker betrachtet zu werden ist also wenig schmeichelhaft, Verachtung kein gangbarer Weg.
Da sollte man es doch eher mit Sokrates halten, der wahre Größe bewies, indem er ein probates Mittel zur dialektischen Erziehung gegen angemaßtes Wissen entwickelte : die Ironie.
Wir unterscheiden :
Romantische Ironie, das immer wache Bewusstsein, dass zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen, zwischen Freiheit und fester Form kein endgültiger, sondern nur ein spielerischer Ausgleich möglich ist (locker bleiben, Oida),
Tragische Ironie, ein für den Aussenstehenden amüsantes Erlebnis zu beobachten, wenn sich jemand voll Zuversicht seinem Disaster entgegenbewegt, und Selbstironie als kritische, spielerische Haltung sich selbst gegenüber.
Geistreich-witzig Bestehendes in Frage stellen, wer das beherrscht kann mehr vom Leben erwarten ... und seine Mitmenschen mehr von ihm.
Am ehesten scheint mir am (vorläufigen) Ende dieser Sammlung von Essays ein zwar schon abgelutschter aber immer noch sehr aktueller Satz angebracht zu sein :
Gestern standen wir am Rande des Abgrundes, heute sind wir bereits einen bedeutenden Schritt weiter !